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Über das digitale Zeichnen

Haben Sie schon mal ein veganes Steak probiert? Ich verstehe dieses Produkt nicht. Die Zielgruppe lässt sich zudem nicht klar definieren. Soll der passionierte Fleischesser bekehrt bzw. getäuscht werden? Dem Vegetarier an sich sollte es egal sein, in welcher Form sich die Tofuscheibe präsentiert. Das vegane Steak simuliert Fleisch in Form und Aussehen sowie ansatzweise im Geschmack – zugegebenerweise recht lecker. So ähnlich verhält es sich mit dem digitalen Zeichnen. Kann digitales Zeichnen das analoge Zeichnen simulieren? Die technischen Voraussetzungen stehen hierbei natürlich im Vordergrund und sollen vorab geklärt werden.

 

Technik
Die Übertragung der zeichnerischen Geste ist und war immer auch abhängig von den technischen Voraussetzungen. Aufgrund der beschränkten Leistungsfähigkeit früherer PC-Prozessoren war die Übertragungs-geschwindigkeit derart langsam, dass schnelle Strichsetzungen meist zeitversetzt auf dem Bildschirm erschienen. Die heutigen Tablets hingegen überzeugen in punkto Leistungsfähigkeit, Rechenkapazität und -geschwindigkeit und lassen das Zeichnen unmittelbar erscheinen. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, mit dem PC zu zeichnen. Bei einem Grafiktablet drückt der Anwender den Stift auf die Platte, welche Positionsdaten, Stiftdruck und Neigungswinkel an den Computer schickt. Hinsichtlich der Augen-Hand-Koordination bedarf es hier einer gewissen Gewöhnung: Man zeichnet unten, die Zeichnung hingegen erscheint oben auf dem Monitor. Eine weitere Möglichkeit ist das direkte Zeichnen auf Flachbildschirmen mit integriertem professionellem Grafiktablet – recht teuer und eher für den professionellem Einsatz gedacht. Mit den neuen Tablet-Computern samt Stift und leistungsfähigen Zeichen-Apps stehen kostengünstige Hard-und Softwarekomponenten bereit – schnell und leicht zu erlernen mit hohem Spaßfaktor.

 

Kunst und Verführung
Die grafische Umgebung der Software hat sich stets am gewohnten Arbeitsfeld von den Grafiker*innen und Illustrator*innen orientiert. So finden wir auch hier in den Werkzeugleisten der Software den Pinsel, das Radiergummi, die Schere, das Lineal etc. Mit dem Zeichenstift oder Pen halten wir ein gewohntes Werkzeug in der Hand. Aber dieses Eingabewerkzeug ist mehr als ein Stift. Der digitale Stift ist nicht nur Bleistift, sondern auch Feder, Pinsel, Schwamm oder Wischfinger. Mithilfe wählbarer und individuell modifizierbarer Werkzeugspitzen – sogenannter »brushes« – können die unterschiedlichsten Techniken simuliert werden. Mit der gewählten Werkzeugspitze verwandelt sich nun der Stift in einen Pinsel, mit dem eine Fülle von analogen Techniken simuliert werden kann. Ob Aquarell, Ölmalerei oder Fresko – der Pinsel verhält sich anscheinend exakt wie sein analoges Vorbild. Trotz vertrauter Arbeitsumgebung darf man jedoch einen Punkt nicht vergessen: Bildbearbeitung ist letztendlich auch nur eine Abfolge von Rechenoperationen. In sogenannten »Actions« können Abfolgen von Bildbearbeitungsschritten abgespeichert werden. Möchte man einem Bild oder einer Zeichnung ein bestimmtes Aussehen verleihen, kann man auf vorprogrammierte Actions zurückgreifen. Es gibt zudem unzählige Apps, die dem eigenen Foto per Knopfdruck diverse Zeichen- und Malstile verpassen. Andere Apps hingegen verwandeln Fotos in Comics. Betrachtet man aber diese sogenannten Kunstwerke genau, so erkennt man lediglich eine Reduzierung der Tonwerte und die Erzeugung von Kanten und Strichen, die dem Foto den Charakter einer Zeichnung geben sollen. Es versteht sich von selbst, dass diese Arbeitsweise wenig mit Zeichnung im klassischen Sinne zu tun hat.

Wer seiner Zeichnung nicht den analogen Touch einer Kreidezeichnung, eines Aquarells oder Ölbildes verleiht, gerät schnell unter den Generalverdacht, seine Zeichnung lediglich per oben genannten Apps oder Photoshop-Filtern generiert zu haben. So auch geschehen bei dem deutschen Comiczeichner Jamiri (Jan-Michael Richter), der mit seinem realistischen Stil seit Jahren erfolgreich Comics und Cartoons publiziert, die er ausschließlich auf dem Rechner erstellt. Als Reaktion auf die ewigen Unterstellungen hat er entnervt auf www.spiegel.de in einem Tutorial, das in einem frechen, provokanten Stil gezeichnet ist, seine Arbeitsweise erläutert.

https://www.spiegel.de/netzwelt/web/jamiri-hier-ist-alles-echt-a-747547.html#

 

Digital versus analog?
Eine Aussage vorab: Das digitale Zeichnen oder Malen wird die sinnliche Erfahrung des Materials nie ersetzen können. Die bevorzugten Einsatzgebiete des Digitalen finden sich in erster Linie bei den Grafiker*innen, Illustratoren*innen und Comiczeichner*innen, die es sich nicht leisten können, stundenlang der Farbe trotz Zeit- und Abgabedruck beim Trocknen zuzusehen. Zumeist noch in den analogen Techniken geschult und erfahren, übertragen Bildgestalter*innen so gekonnt ihre Arbeitsweise ins Digitale, sodass im Vergleich kaum Unterschiede in den Ergebnissen erkennbar sind. Anfänger*innen hingegen wird der Einstieg in das bildnerische Gestalten aufgrund des fehlenden Materialaufwandes und der allzeit verfügbaren Arbeitsumgebung erheblich erleichtert. Viele Gestalter*innen zeichnen analog, scannen dann ihre Zeichnung ein, um sie am Computer zu kolorieren, zu korrigieren und bei Bedarf zu modifizieren. Diese Art des »Crossovers« ist eine Variante, die Vorzüge des einen Mediums mit denen des anderen zu kombinieren. Medienkompetenz sollte sich angesichts der immer einfacher zu bedienenden Hard- und Software eher zur Medienmündigkeit entwickeln: Es gilt, mit Medien in ihrer ursprünglichen Anwendung und Erscheinungsform zu arbeiten. Die digitale Simulation analoger Maltechniken ist schlussendlich die Flucht in ein etabliertes, tradiertes Kunstverständnis, um die Außenwirkung als Künstler*innen weiterhin zu konservieren. Das hochtechnisierte Medium »Computer« blendet den künstlerischen Genius aus; zu sehr wirkt der Irrglaube, dass allein die allmächtige Technik für den Schaffensprozess verantwortlich ist. Wenn Bob Ross mit seinen »happy little trees« seine Anhänger in sonorem Tonfall beglückt, wird der ambitionierte Gestalter eher von der Fülle der Videotutorials und Pinterest-Einträge zugeschüttet. »How to draw« wandelt sich so zu einem seelenlosen Abrufen von Befehlsketten, die geklonte Bilder produzieren – Effekt vor Wirkung.

 

Eigene Strategien entwickeln
Medienkompetenz bedeutet in diesem Zusammenhang, eine eigene Strategie zu entwickeln, mit der man mit dieser anscheinend leicht zu bedienenden Hard-und Software zu einem individuellen Stil gelangt. Es gibt beim digitalen Zeichnen kein Finale. Die Möglichkeit, Arbeitsschritte jederzeit widerrufen zu können, Zwischenergebnisse zu sichern und über ein geschicktes Kombinieren variabler Einstellungsmöglichkeiten stets das Originalbild zu erhalten, macht den Computer zur Spielwiese, zum Labor: ein neuer Ausschnitt, ein anderes Farbspektrum oder doch lieber die letzte Fassung der letzten Nacht – kein Problem.

Wie soll man sich angesichts der mannigfaltigen technischen Möglichkeiten verhalten? Einschränkung ist der Schlüssel zum produktiven Zeichnen im digitalen Bereich. Es gilt, sich nicht von den Effekten, Filtern und sonstigen Versprechungen der Software-Industrie verführen zu lassen. Es gibt Aufgaben, die der Computer erledigen sollte. So kann man das stupide Ausmalen von Flächen ruhig dem Computer überlassen. Für alles andere gilt: Akzeptiere keinen Pixel, den Du nicht selbst gesetzt hast.

 

Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage: Kann digitales Zeichnen das analoge Zeichnen ersetzen? Zentraler Punkt ist das Verhältnis von mittelbarem und unmittelbarem Medium. Das Zeichnen mit dem Finger auf einer beschlagenen Fensterscheibe erscheint unmittelbar; der Strich eines Bleistiftes hingegen wird durch den Abrieb des Grafits erzeugt. Je komplexer die Übertragungs-mechanismen, desto stärker der Einfluss des Mittelbaren. Solange der Mechanismus funktioniert, fällt uns das Mittel nicht auf, bis der Bleistift stumpf wird und die Patrone im Füller leer ist. Je unmittelbarer uns das Arbeiten auf dem Computer erscheint, desto eher nähert sich das digitale Zeichnen dem analogen Vorbild. Dazu gehören:

  • ein schneller Prozessor, der ohne Zeitversatz die Linie generiert,
  • ein Stift als Eingabegerät, der drucksensitiv die zeichnerische Geste ermöglicht,
  • ein Bildschirm als Zeichenoberfläche, möglichst mit   einer rauhen Folie versehen, um das Abrutschen des  Stiftes zu verhindern,
  • ein Programm, das sich durch eine überschaubare, intuitiv erlernbare Nutzung auszeichnet.

Die Wahl einer eindeutigen, klaren Linie führt zu bewährten Zeichentechniken wie Schraffur etc., die den konzentriert und bewusst gesetzten Strich fordern. Die Einfachheit des Strichs bei gleichzeitigem Zugriff auf die omnipotenten Möglicheiten der Software ist meiner Meinung nach ein Weg, sich nicht von den vorgestanzten Bildvorbildern verführen zu lassen, sondern sich eine eigene Handschrift zu verschaffen – angst- und verlustfrei, denn die Taste cmd-Z ist die beste Freundin.

 

Ob Fleisch oder vegan, digital oder analog – auf die Zubereitung und Präsentation kommt es an.

(aus: »Das kann nur Zeichnung! Von Beethoven bis Pinterest«

Katalog zur Ausstellung im Horst-Janssen-Museum, Oldenburg 2020/2021

  • herausgegeben von Jutta Moster-Hoos, Sabine Siebel, Horst-Janssen-Museum, Oldenburg
  • Beiträge von Jutta Moster-Hoos, Sabine Siebel, Lemya Demirkapi, Rene Klattenberg, Thomas Robbers, Hedwig Vavra-Sibum
  • 92 Seiten
  • mit 84 farbigen und 42 s/w Abb.
  • 29,7 cm x 21,0 cm
  • Softcover
  • Deutsch
  • Erscheinungsdatum: 08.10.2020
  • ISBN 978-3-86832-595-9

 

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